Wilde Gedanken


0201
Januar 3, 2009, 12:49
Gespeichert unter: Feldforschung, lebensüberwältigungen

Words of Farewell

Ich nähere mich dem Ende.

Meiner Zeit und meines Wunsches

von Versuch und Motivation und Neugierde.

Von nun an werde ich nur noch Reisende sein

Lächelnd und respektvoll,

ich werde einzelne Menschen mögen und Augenblicke genießen.

Doch ich werde mich nicht mehr in Relation zur Gesellschaft setzen.

Und ich weiß nun, dass ich nicht zurückkehren werde.

Als Reisende, vielleicht.

Als Ethnologin oder zum leben, nein.

Ich danke der Gesellschaft.

Ich weiß nun meine eigene umso mehr zu schätzen.

Sehe die Freiheit meiner eigenen nun mit anderen Augen.

Ich habe erfahren, wie sich Ausländerfeindlichkeit anfühlt.

Nicht nur gesehen, gehört, von außen wie bisher.

Ich habe erfahren, jeden einzelnen Tag zurückgewiesen zu werden,

manchmal gehasst

manchmal verachtet

nicht verstanden

nicht für mich interessiert

und fast nie respektiert

zu werden.

Natürlich gab es auch viel Freude und wunderbare Begegnungen zwischendurch.

Natürlich bin ich nicht so blind, von allen Thais zu sprechen.

Ich rede ganz einfach von den Menschen, denen ich hier in Bangkok begegnet bin.

Und ich vermute wirklich, dass es auch sehr an Bangkok liegt.

Ich weiß nun, dass ich weiß bin, weil es mir diejenigen, die es nicht sind jeden Tag sagen und zeigen.

Ich weiß nun, dass ich reich bin, weil das der einzige Wert ist, der meiner Person hier zugestanden wird.

Ich weiß nun, dass ich eine Frau bin und mir nicht alles erlaubt ist.

Faul bin ich, weil ich keine körperliche Arbeit verrichte.

Fett bin ich auch.

Und ein Mensch zweiter Klasse, weil nicht in Thailand geboren.

Unwissend bin ich und unglücklich, da keine Buddhistin.

Ich mache das für dich, du kannst das nicht.“

(Nein? Wie habe ich das denn bisher ohne dich gemacht?)

Ich bemitleide ich, weil du keine Thailänderin bist.“

(Eigentlich bin ich ganz zufrieden, Deutsche zu sein. Das habe ich vorher noch nie gesagt.)

Du bist eine Frau, trink Whiskey Soda. Bier macht fett, nur Männer dürfen das trinken, weil Männer mit Bauch sehen smart und wohlhabend aus. Frauen dürfen nicht fett sein, du musst was für deine Figur tun.“

(Ich bestelle ein Bier.)

Du solltest nicht die einheimischen Zigaretten rauchen. Die Leute respektieren dich dann noch weniger. Wenn du Marlboro rauchst, denken wir Thai du bist reich. Dann behandeln sie dich ein bisschen besser. Doch nur Light oder Menthol, Marlboro red sollten nur Männer rauchen. Wenn du Krong Thip rauchst, die einheimische Marke, werden dich die Leute verachten und als Vogelscheiße-Ausländer bezeichnen. Denn Ausländer ohne Geld sind nichts wert und werden verachtet.“

(Ich habe diese Aussage mehrmals überprüft, immer wieder andere Leute gefragt, ob das stimmt. Ich habe jedesmal ein ‘Ja, genauso ist es.’ als Antwort bekommen. Wie traurig ist es doch, in einer Gesellschaft zu leben, in der man nach der Zigarettenmarke beurteilt und dementsprechend behandelt wird.)

Kann ich dich küssen?“

(Nein, ich habe einen Freund.)

Kann ich mit dir schlafen.“

(Nein, gleicher Grund.)

Magst du Thai Männer?“

(Ich mag Männer nicht aufgrund ihrer Nationalität. Ich mag Menschen, Individuen, einzelne Personen.)

Mit wie vielen Thai-Männern warst du in den letzten drei Monaten im Bett?“

(ICH HABE EINEN FREUND UND ICH BIN TREU.)

Kann ich dich nach Hause bringen?“

(Nein, ich gehe allein.)

Aber das ist gefährlich. Ich bringe dich, ich rede mit dem Taxifahrer.“

(Was meinst du, wie ich die letzten Wochen jeden Abend nach Hause gekommen bin?“

(Differenzierst du und deine Freunde zwischen den verschiedenen Touristen?)

Ja klar. Die guten haben saubere und teure Kleidung. Sie trinken Black Label und rauchen Marlboro. Und sie reisen zusammen, als Mann und Frau.“

Was machst du denn hier den ganzen Tag. Bestimmt nur schlafen und essen. Und rumhängen, dich langweilen. Ich kann mich um dich kümmern.“

(Ich sagte doch bereits, ich schreibe meine Abschlussarbeit für die Uni. Ich schlafe, wenn ich müde bin, ich esse, wenn ich hungrig bin. Und ich kenne durchaus Leute hier.)

Mich und wen noch?“

(Ungefähr 50 Leute, eine Handvoll, mit denen ich manchmal Zeit verbringe.)

Andere Ausländer bestimmt.“

(Nein, Thai.)

(Kann ich das Tshirt dort im Regal mal anschauen?)

Nein, das passt dir sowieso nicht.“

(Ich gucke sie ungläubig an und gehe schweigend aus dem Laden.)

Kaum.

Ökologisches Bewusstsein.

Verständnis für Vegetarismus/Veganismus.

Respekt für Queer/Gay/Transsexual/Whatever.

Interesse am internationalen Geschehen.

Und an der Zukunft der Welt.

Interesse an anderen Ländern und Kulturen.

Kritik.

Skepsis.

Infragestellen.

Widerspruch.

(Wie ist deine Meinung zu…?)

Das interessiert mich nicht, ist mir egal.“

(die Millionen von Plastiktüten, die politischen Unruhen und Umbrüche in Bangkok und Thailand gerade, der krasse Verkehr, der neue amerikanische Präsident, die Lage in Israel/Palästina, global warming, die Unruhen im Süden, die eingeschränkte Medien- und Meinungsfreiheit, die Finanzkrise, die Korruption der Polizei, die Diskriminierung der politischen Flüchtlinge hier und der hilltribes, etc.)

Ah, Deutschland. Ihr habt eine Mauer und Nazis, nicht?“

(Auf welcher Universität hast du nochmal deinen Abschluss gemacht?)

Freunde geben mir manchmal Thai Namen.

Da die Bereitschaft, Andersartiges zu akzeptieren, sehr sehr gering ist.

Ein Name, den sie nicht kennen oder nicht aussprechen können, zählt nicht.

Also gaben sie mir bekannte thailändische Namen.

Sie haben mich Oi (Zuckerrohr) genannt, weil ich angeblich so süß bin.

Allen, denen ich den Namen anschließend sage, fragen nach meinem Süßigkeitenkonsum.

Sie haben mich Fa (Himmel) genannt. Ich weiß nicht warum.

Allen denen ich den Namen anschließend sage, meinen die letzte Thai Miss Universe heißt auch Fa. Die ist aber im Gegensatz zu mir schlank.

Sie haben mich Manao (Zitrone) genannt. Warum Zitrone frage ich. Weil du von außen sauer und innen süß bist.

Dem nächsten, dem ich Manao als Namen sage, meint- Ja, du hast ein Gesicht wie eine Zitrone.

Ich frage Ton, was das bedeutet. Er sagt, sie halten dich für billig und leicht zu haben.

Seitdem heiße ich nur noch Franziska.

Ich verschenke kleine Schneeflocken, die in der Bar rumliegen. (Watte als Weihnachtsdekoration.) Dort wo die Thai betrunken und sehr sehr aufreizend tanzen. Ich strecke meine Hand aus, auf der eine kleine Watteschneeflocke liegt und sage, wie alle hier seit Tagen zueinander- Sawatdii bii mai (Happy New Year.) Mit meinem bestmöglichen Lächeln. Sie schauen mich verwirrt an und sagen- Du bist betrunken. Geh nach Hause.

Ich bin eine arrogante Ausländerin, weil ich nicht fünf mal am Tag Fleisch essen kann und will.

Ich bin eine wertlose Ausländerin ohne Geld, weil ich die zwei Kilometer zum Café zu Fuß laufe.

Ich habe keine Bildung oder zumindest ist die Bildung, die ich habe nichts wert, weil ich kein Thai kann.

Ich sitze mit einigen jungen Leuten in der Bar an einem Tisch. Die beiden Mädchen direkt neben mir auf der Bank ignorieren mich ganze drei Stunden lang, obwohl ich sie schon ein paar mal zuvor getroffen habe und immer wieder ein Gespräch zu beginnen versuche.

(„Ich reise in den kommenden Monaten nach Burma und Laos.“)

Was willst du da? Die Leute dort sind unzivilisiert und dumm. Bleib lieber hier in Thailand, da gibt es alles.“

(zu kaufen, ja.)

„Du solltest dich weiblicher kleiden. Du siehst aus wie eine Lesbe (Thai :Tomboy), die sind psychisch gestört.“

„Du musst deine Fingernägel maniküren.“

Es gab öfter Momente, in denen ich mich wehren musste, weil mir die Männer physisch zu nahe kamen.

Es fällt vielen schwer ein Nein zu akzeptieren.

Ich sitze mit Ton im Restaurant.

Er hat ganz zufällig das ausgesucht, in dem seine Exfreundin als Kellnerin arbeitet.

Das habe ich erst dort erfahren.

Sie mustert mich abschätzend.

Sie will das Essen abräumen. Ton sagt, wir seien noch nicht fertig.

Sie sagt auf Thai, deine kleine Ausländerin ist doch fett genug. Hast du Spaß mit ihrem Geld, zahlt sie dir alles, ja?

Ich starre sie mit großen Augen an. Sie denkt, ich verstehe sie nicht.

Es geht mir so nahe. Zu nah.

Ich habe geschafft, was ich mir vorgenommen habe.

Ich kenne fast alle Punks, die es hier so gibt.

Ich habe mich in eine Jugendsubkultur in einem anderen Teil der Welt integriert.

Sie vertrauen mir und wir gehen oft Bier trinken oder hängen irgendwo rum und erschrecken die Leute mit Kaimanen.

Ich habe auch Freunde gefunden.

Ich weiß NICHT alles, was es zu sagen und was es zu wissen gibt über die Punksubkultur hier.

Die Sprache verwehrt es mir.

Aber ich weiß genug, um meine theoretischen Hypothesen empirisch zu stützen.

Und dies ist eine Magisterarbeit, keine Promotion.

Nur sehr wenige meiner Kommilitonen nehmen sich die Zeit für Feldforschung.

Ich hatte glückliche Momente.

Ich hatte Spaß.

Ich traf auch wundervolle Menschen.

Doch davon soll hier jetzt nicht die rede sein, ich habe zuvor darüber geschrieben.

Ich mag auch viele Menschen hier, sie sind ja nicht böse oder aggressiv.

Doch ich komme mit den meisten irgendwie nicht klar.

Und diese Zeit hier hat unglaublich an meinem Selbstbewusstsein gekratzt.

Obwohl ich doch eigentlich stolz sein müsste, denn ich glaube, es erfordert schon ein klein wenig Mut, das hier zu tun.

Stattdessen fühle ich mich oft wertlos hier.

Es wird mir so oft eingeredet und aufgedrückt.

Dann verteidige ich mich selbst in Gedanken.

Doch nach Wochen und Wochen zweifelt man manchmal ein bisschen.

Ich bin es so sehr leid, nur auf mein Äußeres reduziert zu werden, meine Hautfarbe, meinen Körper, meine Kleidung, meine Fingernägel, meine Zigarettenmarke.

Man sieht sich selbst ja in der Welt und auch im Anderen.

Ich möchte mich so gern mal wieder bedingungslos fühlen.

Respektiert und akzeptiert sein.

Einfach nur so, als Mensch.

Ich kam hierher, weil ich die Menschen sehr mochte.

Ich habe sie geliebt, bevor sie mir ihre Sicht der Welt erklärten.

Ich habe ihr Lächeln gemocht, bevor ich erfuhr, dass es so oft falsch ist und gar nicht zu den begleitenden Worten passt.

Und je mehr ich sie kennenlernte, sie befragte nach ihren Gedanken, nach Werten und Wünschen,

je mehr ich mir bewusst wurde, wie sich mich sehen und beurteilen,

mir gegenübertreten, mich behandeln,

umso größer wurde meine Enttäuschung.

Und ich habe schwierige Momente erfahren, in denen ich nicht wusste, wie ich mit der Ausländerfeindlichkeit, dem Sexismus und dem Desinteresse an der Zukunft einer Welt aller Menschen umgehen sollte.

So war ich oft frustriert. Ich habe sie zu sehr auf einer persönlichen Ebene betrachtet, habe sie zu sehr als junge Menschen in einer globalen Welt gesehen, die sich doch ähnlicher Dinge bewusst sein müssten.

Muss ich Intoleranz tolerieren können?

Die alte Frage.

Ich kann andere Meinungen tolerieren, denn das ist ja demokratisch und menschlich.

Doch ich kann eben nicht Chauvinismus, Sexismus und Diskriminierung tolerieren. Sei es am anderen Ende der Welt.

Das mag naiv sein, idealistisch und unwissenschaftlich.

Nun, dann ist es das eben.

Ich glaube, es wäre mir sehr viel leichter gefallen, diese Intoleranz und das Nicht-Wissen (es ist ja eigentlich das Nicht-Wissen-Wollen, das mich so ankotzt) irgendwo auf dem Land, in den Bergen und abgelegenen Gegenden zu tolerieren und zu verstehen. Doch Bangkok fühlt sich nicht viel anders an als eine europäische Metropole, deshalb wahrscheinlich die gleichen Maßstäbe.

Und irgendwie sehe ich auch nicht ein, warum ich mich so behandeln lassen soll.

Warum ich mich plötzlich dem fügen oder jenes schweigend ertragen sollte, wogegen ich mich bisher aufgelehnt, wogegen ich gelebt und gesprochen habe.

Meines Vorhaben willens, na klar. Dafür habe ich es ja auch die letzten drei Monate ertragen und versucht irgendwie nett damit umzugehen.

Doch wäre es nicht Selbstbetrug, in einer Gesellschaft glücklich sein zu wollen, die vielen meiner Werte widerspricht?

Wäre es nicht Lüge und Illusion zu sagen, ich fühle mich wohl hier, ich integriere mich irgendwie.

Und wäre es nicht blöd, meine Frustration, meinen Ärger, meine Wut, meine Traurigkeit und mein Verletztsein zu verschweigen? Es ist ja ebenso eine Aussage. Es zeigt ein Abweichen, eine Differenz vom Gewohnten, so tief, dass es mich emotional sehr trifft. Ich bin keine Ethnologin, die Subjekte zu Objekten machen kann, die sich selbst in ausreichender Distanz zur Gesellschaft sehen kann. Und ich glaube, ich bin viel zu sensibel, um damit klar zu kommen. Ich spüre jede Abneigung im Bauch und jeder verachtende Blick trifft mich im Herzen. Es tut mir nicht gut. Mag das nun schlecht für eine Ethnologin sein, ja ja, doch es ist nun mal so und ich habe zumindest genügend Größe, mir all dies einzugestehen.

Also: ich brauche eine Pause.

Vielleicht werde ich noch einige Interviews führen, wenn ich in den nächsten Wochen und Monaten wieder mal in Bangkok oder Chiang Mai sein werde.

Grüße aus Bangkok.

Übrigens:

Das alles erinnert mich gerade sehr an „A diary in the strict sense of the term“.

Herr Malinowski, seien Sie gegrüßt.


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